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James Tissot – von der High Society zur katholischen Renaissance

Dienstag, 27 Dezember 2016 18:03
James Tissot „Jesus weinte“ (zwischen 1886 und 1894) James Tissot „Jesus weinte“ (zwischen 1886 und 1894)

Berlin - Der französische Maler und Grafiker James Tissot gehörte der gleichen Generation an wie die Begründer des Impressionismus, doch wurde er mit seinen Bildern eleganter Damen und Genreszenen bereits erfolgreich, als die Impressionisten noch um Anerkennung zu ringen hatten. Neben Paris war der Schwerpunkt seiner Karriere im viktorianischen London gelegen. In seinem Spätwerk widmete er sich vorrangig religiösen Motiven.

Er wurde 1836 als Jacques Joseph Tissot in Nantes geboren, die wohlhabenden Eltern waren im Modegeschäft tätig, was seine spätere Themenwahl beeinflußt haben dürfte. Mit 17 Jahren entschloß er sich, Maler zu werden, was er gegen den Willen des Vaters und mit Unterstützung der Mutter durchsetzen konnte, denn 1856/57 ging er nach Paris, um an der École des Beaux-Arts Malerei zu studieren. 
Den Großteil seiner formalen Ausbildung erhielt er bei Louis Lamothe, auch Hippolyte Flandrin war sein Lehrer. Diese beiden erfolgreichen und fähigen Künstler kamen aus Lyon und hatten selbst in Paris bei Jean-Auguste-Dominique Ingres studiert, einem der bedeutendsten Vertreter des französischen Neoklassizismus. Wie zahlreiche andere Künstler seiner Generation bildete er sich zudem selbständig durch das Kopieren von Werken im Louvre weiter. In jenen Jahren schloß er überdies Freundschaft mit Edgar Degas und Édouard Manet, auch James McNeill Whistler lernte er kennen. 
1859 stellte er erstmals im Pariser Salon aus. In seinen damaligen Darstellungen mittelalterlicher Szenen, wobei der Faust zu seinen Lieblingsthemen gehörte, zeigte er sich von dem Belgier Henri Leys sowie den deutschen Nazarenern beeinflußt und fand einigen Anklang. In der Folgezeit wurde er mit Darstellungen von Personen der Pariser Haute societé erfolgreich, insbesondere seine vornehm gekleideten Damen (etwa die Serie „La femme a Paris“) verschafften ihm zahlreiche Anhänger. Bemerkenswert ist hier die Detailtreue bei der Darstellung der Mode – hier dürfte die elterliche Prägung Pate gestanden haben. Die Modewelle des Japonismus beeinflußte gleichsam Tissots Schaffen, und in einem Porträt von 1867 stellte Degas ihn vor einem japanischen Wandschirm sitzend dar. 
Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 diente er an der Front, anschließend war er im Umfeld der Pariser Kommune zu finden. Nach deren Niederschlagung floh er nach London. Hatte sich der entschieden anglophile Tissot bereits in jungen Jahren „James“ genannt, ließ er nun in England seinen Namen offiziell angilisieren. 
Schnell knüpfte er mit Bildnissen der englischen Oberschicht an frühere Erfolge an, und mit Hilfe Francis Seymour Hadens bildete er sich in der Technik der Radierung weiter, des Weiteren zeichnete er Karikaturen für die Zeitschrift Vanity Fair und wurde 1873 Mitglied des Arts Club. Einer Einladung seines Freundes Degas zur Teilnahme an der Impressionistenausstellung von 1874 kam er nicht nach, doch blieb er diesen Kreisen verbunden; so besuchte ihn Berthe Morisot in London und mit Manet reiste er nach Venedig. 1876 kehrte er für einen vorübergehenden Besuch nach Paris zurück und konnte zahlreiche neue Anhänger seiner Werke gewinnen. 
In jener Zeit lernte er auch die Irin Kathleen Newton kennen, die seine Lebensgefährtin und bevorzugtes Model wurde. 1880 war er Mitbegründer der Society of Painter-Etchers and Engravers, die sich für eine weitere Verbreitung und Anerkennung dieser Kunstformen einsetzte. Als seine Partnerin 1882 starb (es ist von Schwindsucht und Selbstmord zu lesen), war dies ein schwerer Schlag für ihn und er ging zurück nach Paris. 
Dort fand er zunächst den Spiritualismus und 1885 eine Erneuerung des katholischen Glaubens (damals als Reaktion gegen den säkularen Ansatz der Dritten Republik allerdings verbreitet) und begann, sich auch künstlerisch vor allem religiösen Motiven zu widmen. Zu jener Zeit, als der Impressionismus endlich breite Anerkennung gefunden hatte und der Pointillismus im Kommen war, befaßte sich Tissot mit Aquarellen realistischer Malweise und katholischen Gehalts. Diese meisterlich ausgeführten und feinfühligen Werke kamen jedoch gut an und stehen in ihrer Zeit recht einzigartig da. Zweimal bereiste er Palästina und befaßte sich mit biblischen Motiven; eine Serie von 350 Grafiken zum Leben Jesus’ wurde später in zwei Bänden veröffentlicht. Er starb 1902 in Buillon.

Verweise: 
http://artuk.org/discover/artists/tissot-james-18361902

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