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Anders als sonst:

Auffälligkeiten beim Anschlag von Dortmund

Donnerstag, 13 April 2017 01:17

Frankfurt am Main - Viele Fußballfans wurden gestern Abend kalt erwischt: Das Fußballspiel zwischen Dortmund und Monaco wurde abgesagt, nachdem der Mannschaftsbus von Dortmund von drei Bombenexplosionen stark beschädigt und der Dortmunder Fußballer Marc Bartra leicht verletzt wurde. Gestern war noch völlig unklar, was das Motiv für die Tat gewesen sein könnte. Angesichts der zahlreichen islamisch motivierten Terroranschläge in den letzten Monaten und Jahren lag zwar ein derartiges Motiv auch hier von Anfang an nahe, doch einige Umstände unterscheiden sich von allen bisherigen Anschlägen in Europa. HESSEN DEPESCHE stellt einige Auffälligkeiten vor.

Ungewöhnliches Bekennerschreiben

Besonders ungewöhnlich erscheint das am Tatort in dreifacher Ausfertigung vorgefundene Bekennerschreiben. Zunächst einmal gab es bei Anschlägen in der Vergangenheit nie ein solches am Tatort, zum andere ist auch der Inhalt selbst überraschend. Dieser zeugt nämlich von Tonwahl und Inhalt her davon, dass der Verfasser höchstwahrscheinlich in Deutschland aufgewachsen ist. So werden die Bundeswehr-Flugzeuge korrekt als „Tornados“ bezeichnet und auch die regional höchst umstrittene US Airforce Base in Ramstein wird genannt und ihre Schließung gefordert. Ein weiteres Bekennerschreiben auf einer linksextremistischen Plattform hingegen dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fälschung sein.

In Deutschland sozialisiert

Auch wendet sich der Verfasser direkt an Angela Merkel, was ebenfalls ungewöhnlich ist, und stellt fest, dass diese sich zu wenig um die einheimische Bevölkerung kümmere: „Aber anscheinend scherst du dich Merkel nicht um deinen kleinen dreckigen Untertanen. Deine Tornados fliegen noch immer über dem Boden des Kalifats, um Muslime zu Ermorden." (Fehler im Original) Nach all dem hört sich das Schreiben an, als sei es von einem gut informierten, anpolitisierten, möglicherweise zum Islam konvertierten Deutschen verfasst. Von einem Flüchtling dürfte es kaum stammen. Dazu passen auch die bisherigen Festnahmen der Kriminalpolizei: Zwar wurde ein 25 Jahre alter Iraker festgenommen, jedoch auch eine 28 Jahre alte Person deutscher Staatsangehörigkeit.

Gezielt gegen Prominente und Politiker

Eine weitere Auffälligkeit liegt darin begründet, dass erstmals eben nicht die Durchschnittsbevölkerung Ziel des Attentats war. Typisch für den Islamischen Staat wäre etwa gewesen, im oder um das Stadium herum eine Tat zu verüben. Stattdessen wurden offenbar gezielt die Fußballer des BVB als Opfer ausgewählt. Das dies kein Zufall ist, belegt auch die Äußerung im Bekennerschreiben, dass bis zum Abzug der Tornados aus Syrien und der Schließung der Ramstein Base, "alle ungläubigen Schauspieler, Sänger, Sportler und Sämtliche prominente in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen" auf einer IS-Todesliste stünden.

Ändert der IS seine Strategie?

Eine direkte Urheberschaft des Islamischen Staates erscheint nach alldem eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist ein autonom handelnder Täter, der zwar islamisch motiviert handelte, mit dem IS sympathisierte, aber bislang eher unauffällig war und den Geheimdiensten durchs Raster fiel. Interessant wird sein, ob das Attentat möglicherweise eine Strategieänderung des militanten Islamismus andeuten könnte: Weg von Anschlägen auf „Zivilisten“ in Form der Durchschnittsbevölkerung und vermehrt Angriffe auf politische Entscheidungsträger und Prominente. Damit könnte versucht werden, die politischen Entscheidungsträger bei außen- und innenpolitischen Fragen mit Islam-Bezug noch mehr unter Druck zu setzen und gleichzeitig die Wut der Bevölkerung von Muslimen weg auf die Politiker zu lenken.

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