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Konfliktlinien

Flüchtlingskrise: Deutschland hat sich die Hauptlast am Kollateralschaden des "Arabischen Frühlings" aufbürden lassen

Mittwoch, 07 September 2016 18:27

München - Der Begriff Konfliktlinien stammt eigentlich aus der Parteienforschung und soll die Entwicklung der Parteiensysteme auf Grund der Cleavage-Theorie erklären.

Im Allgemeinen spiegeln Konfliktlinien dauerhafte Interessens- oder Wertkonflikte verschiedener organisierter sozialer Gruppen oder Gesellschaften wider. Die  Internationale Friedens- und Konfliktforschung befasst sich mit politischen Konflikten. Der politische Konflikt als sozialer Tatbestand bezieht sich auf die Politik, ein sozialer Tatbestand von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. 

Über den Begriff Konflikt lässt sich wahrlich streiten, weshalb eine eindeutige Definition des Begriffs in Wissenschaft und Lehre nicht vorzufinden ist. Der Konflikt aus dem Lateinischen kommend von confligere bedeutet zusammenstoßen, zusammenschlagen, streiten, kämpfen, und  conflictus Zusammenstoß, im Widerstreit stehen. 

Ein Konflikt muss nicht unbedingt eine negative Bedeutung haben. Sozialer Wandel oder Veränderung wäre ohne Konflikte nicht möglich. Aber auch Kriege oder Krisen können als Konflikt bezeichnet werden. Wenn Samuel Huntington im Rahmen der Neugestaltung der Weltordnung im 21. Jahrhundert den Kampf der Kulturen bzw.  Konflikte zwischen verschiedenen Kulturräumen vorhersagte und Konfliktlinien zwischen den großen sieben bis acht Kulturräumen zog, so unterstellte Huntington die Kulturkreise würden die westlichen Wertvorstellungen nicht übernehmen wollen. 

Die These vom Kampf der Kulturen scheint eher eine Antwort auf die These von Fukuyama zu sein, der in seinem Buch „das Ende der Geschichte“ die Auffassung vertritt, das westliche Wertesystem aus Demokratie und Marktwirtschaft würde sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus weltweit ausbreiten. 

Viele sahen im Anschlag vom 11. September 2001 kulturelle Differenzen als weltpolitischen Konflikt bestätigt. Der Anschlag konnte nicht als ein Konflikt aus ideologischer Konfrontation zwischen Kommunismus und „Freier Welt“ gewertet werden. Diese ideologische Konfrontation gab es nicht mehr. Huntington wechselte das Paradigma Ideologie gegen Paradigma Kultur aus. Die heutigen Krisenherde lassen sich aber mit den von Huntington  aufgestellten Konfliktlinien nicht erklären. 

Der Krieg in der Ukraine kann als ein Kampf der Kulturen nicht gesehen werden. 

Huntington definiert Kultur als die „gesamte Lebensweise eines Volkes“. Er unterscheidet nicht, wie im deutschen Sprachraum üblich, zwischen Zivilisation und Kultur. Während der deutsche Philosoph Immanuel Kant erstmals über seinen kategorischen Imperativ einen Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation prägte. 

Der Begriff Kultur erfreut sich zahlreicher Definitionen. 

Huntington meint mit Kultur "Werte, Normen, Institutionen und Denkweisen“, insbesondere Religion. Eine Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation ist ihm fremd. Die Unterscheidung zweier Ideologien „Frei Welt" versus Kommunismus bezog sich mehr auf eine Wirtschaftsordnung. Ideologie und Kultur lassen sich begrifflich nicht trennen. Denn letztlich beeinflusst das Weltbild die Kultur und umgekehrt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass im Rahmen der Diskussion um den Multikulturalismus die Idee der Kultur als politische Ideologie   aufgekommen ist. Denn Huntington selbst geht mit seiner These davon aus, dass eben der Westen damit rechnen muss andere Kulturkreise würden die westlichen „allgemeinen Werte“ im Zuge der Modernisierung nicht teilen. Damit sieht aber Huntington bei dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen zwangsläufig einen sozialen Tatbestand von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. 

Die Flüchtlingskrise in Deutschland beinhaltet den „Kampf“ mehrerer Kulturen mit ungewissem Ausgang. Huntington hat die Konfliktlinien falsch gezogen, die nun quer durch Deutschland gehen, weil er die Flüchtlingskrise durch die ungezügelte und unkontrollierte Zuwanderung nach Deutschland nicht vorhersehen konnte. 

Während der Konflikt in Syrien und Irak ein Kampf um Ressourcen Öl und Gas ist und der Kampf der Kulturen dort nur als Fassade ökonomischer Interessen dient, handelt es sich bei der Flüchtlingskrise in Deutschland um einen produzierten Kampf der Kulturen als Kollateralschaden aus dem Syrienkonflikt. Aus ökonomischer Sicht kommt dieser Kollateralschaden Deutschland teuer zu stehen. Deutschland unterstützt auch noch mit dem Flüchtlingsdeal die finanziell angeschlagene Türkei. Die Europäischen Mitgliedsstaaten  ergreifen die Flucht bzw. lassen Deutschland die Suppe auslöffeln, die sich Deutschland  nach der Auffassung der Mitgliedsstaaten  selbst eingebrockt habe. So stehen die wirtschaftlichen nationalen Eigeninteressen der Staaten und der Kampf um die weltweiten Ressourcen im Vordergrund, wobei das "Wunderland Deutschland" als Exportweltmeister fleißig das Scheckbuch zückt. Fragt sich nur, wie lange das noch gut geht?

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