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Eine Frage der Gerechtigkeit

Wohnungsnot - Auch Ulrich Schneider (Paritätischer Wohlfahrtsverband) sieht Verdrängungswettbewerb zwischen Flüchtlingen und Bedürftigen

Donnerstag, 16 Juni 2016 20:12
Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband befürchtet steigende Wohnungsnot in deutschen Großstädten Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband befürchtet steigende Wohnungsnot in deutschen Großstädten Quelle: HESSEN DEPESCHE

München/Frankfurt am Main - Die Wohlfahrtsverbände sprechen von einem „politischen Totalversagen“, wenn es um bezahlbaren Wohnraum in den Großstädten geht. In München, Frankfurt am Main und in anderen Großstädten Deutschlands gibt es schon lange einen Verdrängungswettbewerb, wo es um billigen Wohnraum geht. Flüchtlinge würden gerade in den Großstädten „zu noch mehr Verdrängungswettbewerb führen", so Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Ulrich Schneider (Jahrgang 1958) hatte seine politische Vorliebe zuletzt für die Partei Die Linke geoutet. Damit dürften dem Erziehungswissenschaftler und Funktionär kaum der AfD nahe Beweggründe unterstellt werden.

In München stellten 2015 mehr als 12.500 Berechtigte einen Antrag auf Sozialwohnung, wobei sich davon 8200 laut Sozialreferat in der Dringlichkeitsstufe 1 befinden, aber lediglich 3400 Sozialwohnungen jährlich vergeben werden können. „Die soziale Dringlichkeit des Bedarfs wird anhand einer Punktetabelle festgelegt.“ (http://www.tz.de/leben/wohnen/wie-komme-ich-an-eine-sozialwohnung-tz-3603726.html).

So sind Schlagzeilen wie „Politisches Totalversagen“: Wie die Wohnungsnot den Hass auf Flüchtlinge schürt“ (http://www.huffingtonpost.de/2015/10/20/fluchtlinge-einheimische-_n_8338688.html) oder tz-Serie „Platzt München aus allen Nähten? So kämpfen Münchner mit der Wohnungsnot,“ keine Seltenheit mehr.

Ist es gerecht, dass sich eine Rentnerin in München ihre angestammte Wohnung nicht mehr leisten kann? Oder, dass eine Familie mit zwei Kindern seit drei Jahren auf 20 Quadratmeter wohnen muss?

Mit dem Programm „Wohnen für Alle“ hat z. B. die Stadt München Geld locker gemacht, um Sozialwohnungen zu bauen, die zur Hälfte an anerkannte Flüchtlinge vergeben werden und zur Hälfte an andere Geringverdiener.(http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-04/fluechtlinge-muenchen-wohnungen-asyl-unterkuenfte-wohnraum). Aber nicht nur in München, sondern auch in anderen Ballungszentren, Berlin, Frankfurt/Main, Stuttgart usw. werden hunderttausende Wohnungen fehlen. Das belegen alle Schätzungen. Auch wenn man den Leerstand in einigen Regionen Deutschlands berücksichtigt, wird in Deutschland zu wenig, bzw. zu wenig kostengünstig gebaut. Dort aber wo Wohnungsleerstand anzutreffen ist, fehlt es an Arbeit. Zudem haben verschärfte Vorschriften im Baurecht und zur Wärmedämmung die Investitionen in billigen Wohnraum erschwert. Der Markt wurde durch die Politik auch hier ausgehebelt. Freie Investoren trauen sich fast nur noch an Luxusobjekte heran.

Die Regeln des Marktes werden das Problem der Knappheit an billigen Wohnungen nicht lösen. Insbesondere in den Ballungszentren wird es eine große Herausforderung werden, die viel zu wenigen und neu erstellten Sozialwohnungen gerecht zu verteilen. Die Verteilung ist eben eine Frage der Gerechtigkeit, die es gilt zu beantworten.

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